Tagebuch 5/7: BABELE – Betreuung und Hilfe vor Ort

BABELE – Betreuung und Hilfe vor Ort

Nach einer 60 km langen Autofahrt erreichen wir Grotaglia bei Taranto. Enzo, Angela und Mimo holen uns ab und gleich geht es weiter mit der Vorstellung ihrer Programme. Enzo betreibt seit nun 13 Jahren das Programm BABELE zusammen mit Gleichgesinnten. Dabei geht es um die Betreuung von Asylsuchenden. Dies machen sie einerseits in angemieteten Hotels, die zwischengenutzt werden, in zusätzlichen Wohnungen und in einem alten ehemaligen Jesuitenhaus, direkt angeschlossen an die zentrale Kirche in der Altstadt von Grataglio. Dieses beherbergt 20 geflüchtete Kinder und Jugendliche.

BABELE ist auch vor Ort, wenn ein Schiff der Küstenwache im Hafen Taranto anlegt und Gerettete im Hafen an Land gehen könne. Frontex ist dann vor Ort und sammelt durch Befragungen Informationen zur aktuellen Fluchtroute, zur Registrierungswilligkeit einzelner Länder und zu den Asylgründen der Gesuchstellenden. Im Notfall hilft BABELE auch bei der medizinischen Erstversorgung mit. Wichtigster Schritt ist aber die Ausstattung der Migranten mit grundlegenden Kleidungsstücken. Viele kommen durchnässt oder mit zerrissenen, verbrannten und verbrauchten Kleidern an. Von der Küstenwache erhalten sie kaum mehr als eine Isolierdecke oder einen Einweg-Schutzanzug. Hier können wir vermitteln: Wenn wir einen Transport mit normalen Kleidern von uns hierher schaffen, helfen wir viel. Wir nehmen eine neue Aufgabe an!

Mich überrascht nicht, dass der Staat sich hier aus der Affäre zieht. Aber überraschend ist, wie niederschwellig Dritte helfen. Zwar werden viele Migranten durch lokale Arbeitgeber aus der Landwirtschaft ausgebeutet, wobei die Anwerbung direkt im Camp stattfindet, aber dafür können sie sich frei bewegen und arbeiten. Die schäbigen Unterkünfte erinnern mich an jene, die ich auch in der Schweiz gesehen habe. Aber immerhin unterrichtet eine Betreuungsperson vor Ort Italienisch. „Stella“ möchte ich an dieser Stelle speziell erwähnen: Sie ist beeindrucken! Eine zierliche Person, vielleicht 20-25 Jahre alt, aus Mauricius. Sie verpflegt alle im „Hotel“ – und dies mit einer Energie, die uns sprachlos dastehen lässt. In einem kurzen Gespräch erklärt sie uns, dass sie während sechsundhalb Tagen den Kochlöffel schwingt und welche Probleme bestehen, wenn so viele Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen mit wenigen Mitteln versorgt werden müssen. Dabei strahlt sie, scheint zufrieden und freut sich über unser Interesse.

Italien zahlt 34.- € pro untergebrachte Person an BABELE. Das Hotel erhält für Kost und Logie davon 28.- €. Weitere 2-2.50 € gehen an die untergebrachten Menschen direkt, der Rest muss für die gesamten Personalkosten der Betreuung bei BABELE inklusive den Administrationskosten reichen. Wer ehrlich ist weiss, dass das nicht aufgehen kann – und entsprechend wie viel ehrenamtliche Arbeit dahinter stecken muss.

Ähnlich sieht es bei privaten Unterkünften aus. Wir sprechen mit einer Gruppe aus Pakistan, die über die Balkanroute nach Europa gereist ist und wegen dem „Dublin-Abkommen“ (das erste Land, welches Asylsuchende registriert, ist für das Asylverfahren verantwortlich) nun in Taranto festsitzt. Sie hoffen alle auf ein humanitäres Visum, da gemäss Enzos Aussagen ihre Fluchtgründe nicht für einen positiven Asylentscheid ausreichen werden. Sehr wahrscheinlich ist aber auch diese Hoffnung vergebens. Wir glauben, diese Hoffnungslosigkeit in den Gesichtern unserer Gegenüber zu erkennen.

Was ich nicht gesehen habe war Wach- oder Kontrollpersonal. Vielleicht geht es tatsächlich besser so.

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